So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich. So lässt sich digitale Suffizienz am kürzesten zusammenfassen.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) formulierte es so: Die Digitalisierung muss so gestaltet werden, dass sie als Hebel und Unterstützung für die große Transformation zur Nachhaltigkeit dient und mit ihr synchronisiert werden kann.

Damit dies gelingt, kommt der digitalen Suffizienz eine wesentliche Rolle zu. Sie erstreckt sich auf die Bereiche Technik – unterteilt in Hardware und Software – sowie den menschlichen Aspekt der Nutzung. Das liest sich vielleicht sehr technisch. Sie werden überrascht sein, wie oft Sie beim Lesen an Ihr eigenes Leben denken werden. Ich hänge mich sogar so weit aus dem Fenster zu behaupten, dass Sie durch sinnvolle Suffizienz ein zufriedeneres Leben führen werden 😉.

Techniksuffizienz

Techniksuffizienz zielt darauf,

  1. so wenig Geräte wie möglich zu nutzen
  2. dies so lange wie möglich zu tun – und tun zu können(!)
  3. sparsame Software zu verwenden

In meiner Einführung zu dieser Serie zeigte ich auf, welchen enormen Fußabdruck wir durch unseren digitalen Lebensstil verursachen und dass die Produktion der Devices einen großen Teil zu diesem Fußabdruck beträgt. Es ist unnötg, sich jedes Jahr von seinem Mobilfunkanbieter ein neues Handy oder Tablett geben zu lassen. Genauso wenig brauchen wir einen neuen Kühlschrank, der uns davor warnt, dass die Milch gammelig wird. Das merkt jeder Mensch von alleine. Und hier kommt die Verflechtung von Hard- und Software mit dem Nutzerverhalten ins Spiel. Aber fangen wir bei der Techniksuffizienz mal an.

Hardware-Suffizienz

Damit sind langlebige und reparierbare Produkte gemeint, die bei Bedarf aufgerüstet werden können, anstatt neu angeschafft werden zu müssen. Ein IPhone, bei dem der defekte Akku nicht ausgewechselt werden kann, ist nicht suffizient. Eine Waschmaschine, deren Kunststofftrommel nach wenigen Jahren verschlissen ist, weshalb die ganze Maschine neu gekauft werden muss, ist nicht suffizient.

„Geplante Obsoleszens“ nennt man das, wenn Hersteller ihre Geräte absichtlich mit Schwachstellen konzipieren, damit sie eben nicht möglichst lange halten und Verbraucher immer wieder neu kaufen müssen. Wird ihnen dann noch eingeredet, dass das neuere Modell viel besser ist als das alte, kommt die „psychologischen Obsoleszenz“ hinzu: Wir glauben, dass wir mit dem brandneuen Modell besser dran sind als wenn wir das alte „nur“ reparieren lassen würden.

Dabei gibt es Gegenbeispiele, die zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg mit Suffizienz zusammengehen kann: Das niederländische Fairphone ist so konzipiert, dass man Verschleißkomponenten wie den Bildschirm oder den Akku auswechseln, aber auch zusätzliche Speicherkapazität oder Rechenleistung einfügen kann. Das deutsche Shiftphone kann zwei Nano-Sim-Karten in einem Gerät vereinen, sodass Nutzer kein zweites Diensthandy brauchen.

Eine zentrale Rolle bei der Hardware-Suffizienz kommt dem nachhaltigen Produktdesign zu. Denn in der Designphase wird entschieden, ob die verwendeten Materien kreislauffähig sind, die Bauteile reparierbar und wie viel Umweltauswirkungen generell im gesamten Lebenszyklus eines Produkts stecken. Ein sehr spannendes Thema, dem ich auch mal einen eigenen Blogbeitrag widmen werde!

Software-Suffizienz

Auch hier entscheidet Design fast alles: nämlich ob Datenvolumen, Datenverkehr und die Nachfrage nach der Rechenleistung von digitalen Geräten durch energieeffizientes und datensparsames Softwaredesign minimiert werden können.

Der Zusammenhang zwischen Sofa- und Hardware ist sehr wichtig, um den Begriff der Techniksuffizienz zu verstehen: Es ist eine Sache, ein Refurbished-Gerät zu kaufen (was schon mal super ist), aber eine andere, ob man sich für ein Modell entscheidet, das einen höheren Energieverbrauch hat als das alte, weil es mit neuer Software gespickt ist, die „mehr kann“. Dann kommt es zum unerwünschten Reboundeffekt, den wir gar nicht merken.

Rebound durch mehr Effizienz?

Digitale Endgeräte werden immer energieeffizienter, die Energieintensität pro Rechenleistung halbiert sich etwa alle anderthalb Jahre (Koomeys Gesetz). Etwa im selben Zeitraum verdoppelt sich jedoch die Rechenkapazität der Prozessoren, z.B. weil die Bildschirme größer werden oder das Endgerät einfach mehr „Service“ bietet (Moore’sche Gesetz). Wenn technische Einsparungen auf der einen Seite zu Mehrverbräuchen auf der anderen führen, sprechen wir vom Reboundeffekt.

Im Verkehrssektor ist der besonders gut zu erkennen: Seit Jahren müssen wir Dank der Digitalisierung nicht mehr alles selbst einkaufen, wir können E-Books runterladen, anstatt die Buchhandlung zu besuchen, den ein oder anderen persönlichen Besuch durch Skype oder FaceTime sparen und seit Corona gehören auch Homeoffice und Telearbeit verstärkt zum Joballtag. Wenn die Digitalisierung das Leben wirklich so effizient machen würde, müsste das Verkehrsaufkommen dadurch doch gesunken sein? Ist es aber nicht. Es ist in den letzten Jahren sogar gestiegen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Digitalisierung und Effizienz können an manchen Stellen wirklich bedeuten, weniger Ressourcen zu verschwenden: Vor allem in der Produktion, dem Handwerk und auf dem Bau lässt sich durch automatisierte Betriebsprozesse unnötige Materialverschwendung vermeiden. Das ist ein Gewinn! Er lässt sich nur leider nicht auf alle Prozesse oder Branchen übertragen und verschleiert die zeitlichen Reboundeffekte.

Bleiben wir beim Beispiel der betrieben Prozesse: Hier führt die Digitalisierung von Angebot, Einkauf, Produktion, Verkauf, Montage, Service oder After Sales nicht dazu, dass die Mitarbeiter die gewonnenen Effizienzgewinne für mehr Lebensqualität nutzen, für Zeit mit der Familie oder im Ehrenamt. Sie führt nur einfach zu noch mehr Arbeit. Das ist keine Transformation. Unter dem Abschnitt „Die digitale Erschöpfung“ erkläre ich, warum Zeitrebound für unsere Gesellschaft genauso gefährlich ist Technikrebound für unser Klima.

Vielleicht denken Sie sich jetzt: „Ja, ich sehe das Aufkommen auf der Straße, kann ich nachvollziehen. Und die Mehrarbeit im Büro merke ich selbst auch. Aber was soll ich denn mit meinem popeligen Handy schon für einen Unterschied machen?“ Ich sage Ihnen, einen großen 😊.

Weil Sie mit Ihrem eigenen Smartphone auch die Rechenleistung von Datenzentren in Anspruch nehmen und damit einen Teil Ihres Stromverbrauchs zu den Anbietern der Apps und digitalen Dienstleistungen verlagern (Quelle: Lange, Santarius: Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit; oekom verlag, S.26). Hinzukommt, dass die Energie des Gros der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) mittels Kohlestrom erzeugt wird. Zoom z.B. verwendet noch solche fossile Brennstoffe.

Es geht also um eine transpersonale Sichtweise: Je mehr wir auf digitale Leistung setzen, die nur mit Strom funktioniert, desto schwerer wird es, den ohnehin starken Energiehunger mittels regenerativen Quellen zu stillen. Soll die Digitalisierung aber auf die Nachhaltigkeit einzahlen (Stichwort Twin Transformation) wäre genau das das Ziel!

5 Tipps für mehr Datensuffizienz

  1. Vermeiden Sie unnötige Datentransfers, die durch ungewollte Werbe- und Tracking-Dienste von Drittanbietern entstehen. Im Falle von Smartphone-Apps können so zwischen drei und acht Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr eingespart werden.
  2. Verwenden Sie den Energiesparmodus und nach Möglichkeit Schlafmodus für Anwendungen, die Sie nicht brauchen. So gehen keine Rechenkapazitäten für Leistungen drauf, die Sie nicht benötigen.
  3. Überlegen Sie, ob Sie wirklich jedes Feature und jede Erweiterung benötigen: Stichwort psychologische Obsoleszenz. Wenn wir uns die Nutzungssuffizienz ausschauen, komme ich darauf zurück.
  4. Ihre Lieblingslieder, die Sie immer wieder hören, können Sie runterladen, anstatt sie immer wieder neu zu streamen.
  5. Open-Source-Anwendungen sind ein weiterer Hebel für mehr Software-Suffizienz. Denn wenn die Allgemeinheit die Baupläne für ein Gerät kennt, kann es leichter optimiert, sinnvoll erweitert, gewartet und repariert werden. Dies gilt für Hardware gleichermaßen.

Nutzungssuffizienz

Sie ahnen es schon, ohne Ihre eigenen bewussten Entscheidungen wird Suffizienz schwierig. Ich nenne es Sustainability Literacy, also die Kulturtechnik, die Alphabetisierung auf die Nachhaltigkeit anzuwenden. Denn genau das ist es: eine Kulturtechnik. Und Kultur wird von Menschen gemacht. Sie prägen mit Ihrem Handeln die Kultur, in der Sie leben wollen. Und wenn Sie einen kulturellen Aspekt ändern möchten, sollten Sie ihn nicht unterstützen. Wenn Sie einen kulturellen Aspekt bewahren möchten, müssen Sie die Veränderungskräfte verstehen, um sie „besiegen“ zu können.

Weniger archaisch bedeutet dies:

  1. Das eigene Nutzerverhalten zu hinterfragen: Brauche ich das wirklich? Lassen Sie sich nicht zur psychologischen Obsoleszenz verleiten. Davon profitiert die Wirtschaft, aber nicht Sie.
  2. Wenn ja, was genau ist es, von dem Sie glauben, dass Sie es brauchen? Ist es wirklich das neue Auto oder ist es das Gefühl, sich unabhängig von A nach B bewegen zu können? Welche Möglichkeiten gibt es noch neben einem eigenen PKW?
  3. Sie haben sich für ein sparsames Auto entschieden? Wunderbar! Dann achten Sie nur darauf, nicht plötzlich mehr Kilometer zurückzulegen, weil dadurch der Spareffekt verpufft (Stichwort Rebound).
  4. Kaufen Sie Ihre technischen Geräte nach Möglichkeit gebraucht. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Refurbished-Anbietern. Das Gleiche gilt für Kleidung oder Möbel.
  5. Wenn Ihnen die Digitalisierung hilft, Ihre Arbeit schneller zu erledigen, nutzen Sie diesen „Zeitwohlstand“ sinnvoll, anstatt mehr zu arbeiten, denn neben dem technischen Reboundeffekt gibt es auch einen zeitlichen.

Der letzte Punkt ist aus meiner Sicht sehr wichtig, um zu verstehen, wie wichtig Sustainability Literacy ist, denn wir alle kennen es, Opfer der Digitalisierung zu sein:

Die digitale Erschöpfung

Wie viele Mails, Chatnachrichten und Kurmitteilungen erhalten Sie täglich? Und wie viele erzeugen Sie mit Ihren Reaktionen? Wie viel Zeit am Tag beschäftigen Sie sich inhaltlich mit Ihrem Thema und wie viel geht für die schnelle Abwicklung von Kommunikation, Shopping oder App-gesteuerter Arbeitsorganisation drauf? Was immer wir heute tun: Wir tun es digital.

Unser Gehirn ist für diese „Rechnerleistung“ aber nicht gemacht. Und unsere Psyche auch nicht, weshalb mehr Technikeffizienz leider häufig zu mehr Druck und emotionalem Stress führt. Denn jetzt kommt dieser Druck nicht nur vom Job, sondern auch aus dem Privatleben, weil genau geschaut wird, ob eine WhatsApp bereits gelesen wurde und der Empfänger ungeduldig ihrer Antwort harrt. Keine Pause. Nirgendwo.

Es kommt zu einem Zeit-Rebound-Effekt: Unser Leben wird laufend schneller und komplexer, weil wir immer mehr beruflichen wie privaten Aktivitäten in immer kürzeren Zeiträumen oder gar parallel nachgehen.

Würden wir mit Effizienz antworten, würde sich dieser Teufelskreis nur verschlimmern, denn er würde Mehr des Gleichen bedeuten. Das ist keine Transformation.

Suffizienz schlägt Effizienz

Die Antwort auf die vielen Prozesse kann also nicht lauten, die Prozesse effizienter zu machen. Stattdessen müssen wir uns fragen, ob es überhaupt die richtigen Prozesse sind. Hier kommt die Suffizienz ins Spiel. Dabei geht es nicht um den pauschalen Verzicht, was manchmal fälschlicherweise angenommen wird.

Es geht um die Frage, wie viel wir brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Womit wir zum Anfang des Beitrags zurückkommen: So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich. Diese Vorstellung von nachhaltiger Technologie steht im Gegensatz zum Ziel der Effizienz, die oft unter zukunftsfähiger Digitalisierung verstanden wird. Dabei ist zukunftsfähig nur, was nachhaltig ist.

Ich hoffe, mit meinem Beitrag verständlich gemacht zu haben, warum uns das Effizienzziel allein auf eine falsche Fährte führt und weshalb wir als Gesamtgesellschaft vom Suffizienzgedanken profitieren. Ich bin gespannt, welche Ideen oder Gedanken Ihnen beim Lesen durch den Kopf schossen. Wenn Sie sie teilen mögen, freue ich mich über Ihren Kommentar.